Gift für unsere Seelen
Der Müll droht zur neapolitanischen Folklore zu werden. Wenn nicht bald etwas geschieht, müssen noch Generationen schrecklich dafür büssen
Die Deutschen fragen sich oft: Warum?
Warum wird Neapel vom Müll überschwemmt, warum ist der Süden Ita liens von der Kriminalität verseucht, warum gelingt es Italien nicht wie allen anderen europäischen
Staaten, die »Sache mit dem Müll« zu regeln?
Die Dörfer Kampaniens haben sich in wahre MüllablageplaÅNtze verwandelt. Eine ununterbrochene Kette von Plastiktüten durchzieht die gesamte Region.
Es gibt Müll am Straßenrand und Müll, der sich vor Torbögen zu bunten Hügeln auftürmt.
An manchen Türen sind Zettel angebracht worden mit den Worten: »Nicht hier ablagern, sonst kann man nicht mehr anklopfen«. Geändert hat sich nichts in diesen Tagen, nur die Aufmerksamkeit ist größer geworden. Alle berichten über den Müll, vom Aufmacher der Zeitung bis in den Lokalteil hinein finden sich Berichte über den Müll. Langsam wird das zur Normalität. Müll – das wird Teil der neapolitanischen Folklore, so wie der Handtaschenraub, der Spaziergang am lungomare oder die Nostalgie für den göttlichen Fußballspieler Maradona.
In Wahrheit handelt es sich um eine Tragödie. Der Müll ist überall, die Müllhalden sind geschlossen. Es gibt Proteste, Debatten, Rücktritte, es gibt Schuldige,
Umweltschützer, Camorristi, Politiker und Experten.
Es gibt Mehrheiten, es gibt die Opposition, und es kommt zum Sturz von Regierungen. Nur der Müll überdauert alles. Und er vermehrt sich. Sie schieben die Müllhaufen vom Stadtzentrum in die Peripherie, von dort dann weiter hinaus aufs Land, manchmal
schaffen sie den Müll auch ins Ausland. Doch das reicht alles nicht. Alle sind bereit, darüber zu reden.
Es bildet sich ein vielstimmiger Chor, der nicht zu verstehen ist. Es ist natürlich schwer zu glauben, dass etwa Rom, Florenz, Mailand oder Venedig in einer ähnlichen Situation zuließen, dass der Müll in ihren Straßen verfault. Es ist schwer vorstellbar, dass in einer dieser Städte nachts Lastwagen durch die Straßen fahren und Kalk auf die Müllhaufen schütten, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern.
Warum gibt es in Neapel all diesen Müll? Wie ist es möglich, dass solche Dinge nicht in Mexiko-Stadt und nicht einmal in Kalkutta oder Djakarta geschehen?
Es ist nicht zu verstehen. Darum muss man ganz von vorn anfangen, mit den einfachen Fragen.
Warum sind die neapolitanischen Müllhalden voll? Die Antwort ist schlicht. Sie sind schlecht, sehr schlecht verwaltet worden. Man hat auf diesen Halden alles ohne jede Kontrolle abgeladen. Wenn man die illegalen Abfälle, die von den Clans verwaltet werden, zusammenschüttet, hätte man einen Berg mit einer Höhe von 14 600 Metern und einer Grundfläche von drei Hektar.
Es wäre der größte Berg der Welt. Die Müllhalden ähneln primitiven ausgehobenen Gruben und keinen Deponieranlagen. In kürzester Zeit waren sie überfüllt. Die Lastwagen leerten ihre stinkenden Fuhren in die Gruben, dann kam Erde drüber, das
war’s. Mehr ist nicht geschehen. Für die Mafia war das ein gutes Geschäft, alles, was weg muss, einfach zu begraben. In Pianura, erzählen die Leute, habe man die Überreste eines Walfisches gefunden und im Ort Parete Säcke mit alten Lira-Banknoten und -Münzen.
Die Clans haben das wertlose Geld so verschwinden lassen. Nichts ahnende Bauern
haben, ihre Felder pflügend, ganze »Schätze« von wertlosem Geld gefunden,
die den Boden mit Blei vergiften.
Warum rebellieren die Bürger dagegen, dass die Müllhalden wieder in Betrieb
genommen werden? Sind sie etwa so verrückt, dass sie es vorziehen, monatelang mit MüllsaÅNcken vor ihrer Haustür zu leben? Nein, sie sind nicht verrückt. Sie fürchten, dass mit dem Müll auch die giftigen Substanzen zurückkehren. Aber es wird ihnen doch garantiert, dass ihre Lage sich nicht verschlechtern wird! Nur, wer gibt ihnen diese Garantien? Wie immer die Clans. Gegen sie kann man nicht rebellieren.
Gegen den Staat schon. Deshalb werden seine Entscheidungen boykottiert. Die Menschen verzichten sogar auf Stipendien für ihre Kinder, auf die finanzielle
Unterstützung für jene, die in der Nähe der Müllhalden wohnen. Sie fürchten, vom Krebs zerfressen zu werden, der durch vergrabene Giftsubstanzen ausgelöst werden kann. Die letzten von der Weltgesundheitsorganisation publizierten Daten über die
Region Kampanien beschreiben eine unglaubliche Lage. Sie zeigen einen rasanten Anstieg von Krebserkrankungen. Dort erkranken zwölf Prozent mehr
Menschen an Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs als im nationalen Durchschnitt. Die angesehene Zeitschrift für Medizin, Lancet Oncology, hat bereits im September 2004 von einem Anstieg der Magenkrebsrate von 24 Prozent in den Gegenden der Müllhalden gesprochen – am stärksten sind Frauen betroffen.
Warum hat man nichts getan? Weil die entstandene Notlage Geld für alle bringt. Wenn sie endet, versiegt der Geldfluss. Und was ist mit der Müllverbrennungsanlage,
über die man jahrelang diskutiert hat und die jetzt endlich gebaut werden soll? Die
Anlage sei nicht schädlich, sagen die Experten. Im Herzen Wiens gibt es eine ähnliche, sie ist sogar zu einer Attraktion geworden. Das mag stimmen. Aber in einem Gebiet, in dem der Krebstod mit 34,8 Prozent die Haupttodesursache ist, glauben die Menschen
nicht unbedingt, dass in diesen Anlagen nur verbrannt wird, was verbrannt werden soll.
Welche Politik kann das Versprechen auf maximale Kontrolle in einem Gebiet einhalten, das als Tschernobyl Italiens bezeichnet wurde?
Die lokale und nationale Politik folgte der gängigen Logik, jenen keine Stellen anzubieten, die die technischen Kompetenzen haben. Bevorzugt wurden
die üblichen Figuren, die über entsprechende Verbindungen zu den politischen Parteien verfügen.
Die Mitte-links-Regierung glaubte, gegen die Infiltrationen der Camorra immun zu sein, weil das Problem Camorra angeblich nur die andere Seite des politischen Spektrums betraf. Aber das Gegenteil war der Fall. Die Türen der Linken haben sich in den
letzten Jahren für die Clans so weit wie noch nie geöffnet.
Die Kriminalität ist wie eine Art Naturgewalt wahrgenommen worden, wie etwas, das man nicht verhindern kann. Politik, Geschäftemacherei und Verbrechen sind ununterscheidbar geworden.
Es ist nicht die Camorra, die den Notstand ausgelöst hat. Sie braucht ihn nicht, um Geld zu verdienen.
Sie macht ihre Profite immer, ob es regnet oder ob die Sonne scheint, mit dem Notstand oder mit der scheinbaren Normalität. Es geht ihr am besten, wenn niemand
sich für ihr Territorium interessiert, wenn ihr der Rest des Landes seinen giftigen Müll anbietet und glaubt, sich dann die Hände in Unschuld waschen zu können.
Wenn man etwas in den Müll wirft, in den Kübel dort unter der Spüle, dann darf man nicht denken, dass dieser Abfall irgendwann zu Dünger wird oder dass ihn die Mäuse oder die Möwen fressen werden; man muss dann daran denken, dass sich dieser Müll
in Aktien verwandelt, in Kapital, in Fußballmannschaften, in Paläste, Gelder, in Wählerstimmen.
Den Notstand kann und will man nicht beenden, weil man mit ihm am meisten verdient. Der Notstand wird nie direkt von den Clans geschaffen. Das Problem ist, dass es der Politik in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, das Müllproblem zu lösen. Es
gibt nicht genug Müllhalden, aber man hat so getan, als könnten die nie voll werden. Das Tragische an all dem sind weniger die mit Müll übersaÅNten Straßen, tragisch
ist vielmehr die Tatsache, dass die kommenden Gene rationen geschädigt werden. Die Zukunft selbst ist in Gefahr. Wer heute geboren wird, kann nicht einmal
versuchen, zu verändern, was ihm seine Vorgänger hinterlassen haben. Achtzig Prozent aller Deformationen bei Föten finden sich im nationalen Durchschnitt
in diesen vom Müll übersaÅNten Gebieten.
Das Bizarre ist, dass hier in den letzten 15 Jahren riesige Einkaufszentren entstanden sind. Zuerst das größte Süditaliens, dann das größte Italiens, dann das größte Europas und jetzt eines der größten der Welt: Insgesamt sind es 200 000 Quadratmeter.
Ein Hypermarkt mit 25 Restaurants und Bars, 80 Geschäften, einem Multiplex-Kinosaal
mit 11 Leinwänden und 2500 Sitzplätzen. In Nola gibt es das Vulcano Buono, das Einkaufszentrum, das der Stararchitekt Renzo Piano entworfen hat. Der Architekt hat sich von dem neapolitanischen Wahrzeichen inspirieren lassen: dem Vesuv.
Es handelt sich bei dem Bau um einen künstlichen Hügel, der dem Vulkan nachgebildet ist. Er ist 40 Meter hoch und hat einen Durchmesser von über 170 Metern. Der gesamte Komplex verfügt über 150 000 überdachte Quadratmeter, 450 000
sind es insgesamt. Diese Einkaufszentren werden gebaut, weil sie der einzige Weg sind, um Geld zirkulieren zu lassen. Welches Geld? Die Schätzungen des nationalen Statistikinstitutes (ISTAT) zeigen, dass die Wirtschaft Kampaniens weniger wächst
als in allen anderen Regionen Italiens. Das Pro-Kopf-Einkommen Italiens beträgt durchschnittlich 21 806 Euro, im Süden des Landes liegt es bei 14 528 Euro. Der Ökonom John Keynes schrieb: »Wenn die Akkumulation des Kapitals in einem Land zu einem Nebenprodukt der Aktivitäten eines Casinos wird, dann ist es wahrscheinlich,
dass die Dinge nicht gut gehen werden.
« Was unser Land betrifft, müsste man den Begriff »Casino« mit dem Wort Einkaufszentrum ersetzen. Und so gibt es zwischen diesen Kathe dralen des Lichts
und des Zements die immergleichen, ewigen Fragezeichen. Man kann nichts anderes sagen, und man kann nichts anderes tun: Der Müll muss verschwinden, sofort. Warten ist nicht möglich. Die Entscheidung, den Müll nach Deutschland zu schicken, war notwendig, doch dann entdeckte man, dass der Müll nicht ordnungsgemäß zusammengestanzt worden war. Die Camorra hat in die für Deutschland bestimmten
Ballen aus Müll alles hineingepackt. Einfach alles.
In diesen Tagen ist mir eine Geschichte des russischen Schriftstellers Salamov eingefallen. Als die sowjetischen Soldaten einige Gefangene des Gulag in Isolationshaft steckten, alles Invaliden außer Salamov, verlangten sie, dass sie ihnen ihre Prothesen übergaben: falsche Zähne, Glasaugen, Holzbeine.
Ein Soldat sagte zu Salamov, der nichts anzubieten hatte, im Scherz: »Und du, was gibst du uns? Die Seele?« – »Nein, die Seele gebe ich euch nicht!«,
antwortete er. Er wurde sehr hart bestraft für etwas, von dem er bis dahin glaubte, dass es nicht existierte. Es ist die Zeit gekommen, herauszufinden, ob wir noch eine Seele haben, und es ist die Zeit gekommen, zu verstehen, dass wir sie uns nicht nehmen lassen können wie eine Prothese.
Bevor uns nichts als Prothesen bleiben werden.
AUS DEM ITALIENISCHEN VON ULRICH LADURNER
Published by arrangement with Roberto Santachiara
Literary Agency
21 February 2008
